Warum die Subventionierung der Tageszeitungen falsch ist

Die geplante Presseförderung bewirkt das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist. Der Staat konserviert die Vergangenheit, statt in die Zukunft zu investieren. Das schadet dem Journalismus und damit der Demokratie.

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erscheinen am 21. November 2020 in der Berliner Zeitung

Ich stelle mir das so vor: Sie sitzen gerade am Küchentisch und lesen Ihre Zeitung. Die Seiten rauschen beim Blättern, die Farbe riecht streng, aber vertraut, Sie entdecken Neuigkeiten, die Sie nie gesucht hätten. Ihr täglicher Packen Papier versorgt Sie mit Nachrichten, Argumenten und Inspiration, verbindet Sie mit der Welt da draußen vor dem Küchenfenster, macht Sie zu einem denkenden Zeitgenossen. Ihre Zeitung gehört zur Familie.

Nun erlaubt mir die Berliner Zeitung hier, während ihres Frühstücks sozusagen, über die Zukunft des Journalismus nachzudenken. Das ist paradox. Denn ich habe nur eine leise Ahnung, wie die Zukunft des Journalismus aussieht. Ich bin mir allerdings sicher: Sie wird nicht in einer gedruckten Tageszeitung stattfinden.

Zeitungsleser sterben aus

Nicht alle, die Zeitungen lieben, wissen, wie schlecht es um die Presse steht. Zeitungsleser sterben aus. Fast die Hälfte von ihnen sind heute über 60 Jahre alt, jünger als 30 sind nur acht Prozent. 27 Millionen Zeitungsexemplare gab es in Deutschland kurz nach der Wende, heute sind nur 12,5 Millionen übrig. Jahr für Jahr geht es schneller bergab.

Je weniger Leser, desto teurer wird es, Zeitungen auszuliefern. Die Austräger müssen ja gleich weit laufen. Das Zustellen kostet pro Exemplar also immer mehr, seit Einführung des Mindestlohns sogar erheblich mehr. Schon in drei Jahren wird es darum in gut einem Drittel der Zustellgebiete zu teuer sein, Zeitungen auszuliefern. Das Ende Ihrer Frühstückszeitung wäre dann sehr nah.

Die Verleger rufen darum seit einiger Zeit nach dem Staat, also nach Subventionen. Und sie finden Gehör: 220 Millionen Euro will Wirtschaftsminister Peter Altmaier ihnen zahlen, und zwar für die “digitale Transformation des Verlagswesens”. Das ist beispiellos viel Geld, fast eine viertel Milliarde.

Ich halte die Subventionierung von Tageszeitungen für grundfalsch. Sie würde das Gegenteil von dem erreichen, was beabsichtigt ist. Der Staat würde damit die Vergangenheit konservieren, statt in die Zukunft zu investieren. Das würde dem Journalismus schaden und damit auch der Demokratie.

Ich schreibe hier nicht als neutraler Beobachter. Ich bin Mitgründer von zwei Unternehmen. Das eine, Krautreporter, ist ein werbefreies Online-Magazin, das von mehr als 14.000 zahlenden Mitgliedern getragen wird, organisiert als Genossenschaft. Wir produzieren journalistische Qualität, aber digital, und damit günstig. Mit 220 Millionen Euro könnte man 300 Lokalzeitungen in der Größe von Krautreporter über das ganze Land verteilen.

Die zweite Firma, Steady, ist ein risikokapital-finanziertes Technologie-Startup, das etwa tausend weiteren journalistischen Publikationen hilft, sich über bezahlte Mitgliedschaften nachhaltig zu finanzieren. Steady-Medien haben gemeinsam gerade die Grenze von 100.000 digitalen Mitgliedschaften überschritten. Das sind mehr, als etwa die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung digitale Abonnenten haben.

Die unabhängigen digitalen Medien haben sich aus eigener Kraft neue journalistische Geschäftsmodelle geschaffen. Sie hatten keine Rücklagen aus Zeiten, zu denen die Verlage noch Monopolisten waren und enorme Renditen erwirtschafteten. Sie konkurrieren aber mit den Verlagen um Reichweite, um Talente, um die Budgets der Bürger. Wenn jetzt die Regierung diese ohnehin übermächtige Konkurrenz mit enormen Summen ausstattet, verzerrt sie den Wettbewerb. Das schadet den Unternehmern, die früh den Sprung ins kalte Wasser gewagt haben. Sie belohnt die Zauderer und bestraft die Pioniere.

Kurz etwas Hintergrund dazu, wie es soweit kam. Auf Drängen der Verleger prüfte die Bundesregierung 2019 den Vorschlag, die Zustellung von Zeitungen mit 40 Millionen Euro zu subventionieren. Eine Studie im Auftrag des Arbeitsministeriums ergab, dass so etwas nach Erfahrungen in anderen Ländern ziemlicher Unsinn wäre. Eine Zustellungsförderung könne “sicher nur einen begrenzten Beitrag zu einer nachhaltigen Sicherung der redaktionellen Vielfalt leisten”, resümierten die Experten. Sie war vom Tisch.

Völlig überraschend – offenbar auch für die Verlegerverbände und die Medienpolitiker der Opposition – beschloss der Bundestag im Juli dieses Jahres plötzlich mit dem zweiten Nachtragshaushalt (im Zuge der berühmten Corona-Bazooka) schnurstracks eine mit 220 Millionen Euro viel höhere Summe. Es gab darüber nicht einmal eine Debatte; möglicherweise wäre den Abgeordneten dann aufgefallen, dass zu diesem Zeitpunkt völlig unklar war, wofür genau das viele Geld ausgegeben werden sollte.

Digitale Medien kommen im Konzept der Bundesregierung nicht vor

Diese nicht unwesentlichen Details lieferte ein vor wenigen Wochen nachgereichtes, nur vierseitiges Konzept des Bundeswirtschaftsministeriums. Demnach bekommen das Geld zu 59 Prozent die Abo-Zeitungen wie die Berliner Zeitung, die Zeit oder die WAZ; 11 Prozent die Abo-Zeitschriften wie Superillu, Bravo und Hörzu, Focus, Playboy oder Bunte; und 30 Prozent bekommen Anzeigenblätter. Das sind die Kostenlos-Blättchen, die man meistens wegwirft, weil überwiegend Werbung drin ist.

Was ist für die unabhängigen digitalen Medien vorgesehen? Perlentaucher, Edition F, Übermedien, Postillon, Perspective Daily, Wochendämmrung, Piqd, Medwatch, The Pod, Missy Magazine, Riffreporter und hunderte weitere Mitglieder-finanzierte Magazine, Podcasts, Newsletter und Blogs kommen im Konzept der Bundesregierung nicht vor.

Die Regierung gibt den Verlagen das viele Geld, damit sie in den “Strukturwandel” investieren, und versteht darunter “Online-Shops, Rubrikenportale und Apps sowie den Aufbau eigener oder verlagsübergreifender Plattformen zum Vertrieb der Inhalte”. Mit anderen Worten: Technologien, die viele Verlage schon lange verwenden, und die überhaupt nichts mit Journalismus zu tun haben. Rubrikenportale zum Beispiel – also Webseiten zum Verkauf von Auto-, Wohnungs- oder Kontaktanzeigen, ein extrem umkämpfter Markt – brauchen keinen Journalismus, um Geld zu verdienen, ebensowenig Online-Shops. Eigentlich fördert der Minister also den Ausstieg der Verlage aus dem Journalismus.

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ursprünglich erschienen am 21.11.2020 in der Berliner Zeitung

Es ist ein Rätsel. Er finde im Regierungskonzept „erschreckend wenige Vorstellungen davon, wie man überhaupt Wirkungen der Förderungen erzielen will“, sagt jedenfalls Frank Lobigs, Professor für Medienökonomie in Dortmund. “Dass es vorab kein Konzept gab und die Förderlogik nicht feststand, als das Parlament es beschlossen hat, ist schon ein Bärendienst für den Journalismus”, findet sein Kollege Christopher Buschow von der Uni Weimar.

Wie kam es zu diesem auffällig unsinnigen Konstrukt? “Anregungen aus der Branche haben Eingang in den Entwurf des Förderkonzepts gefunden” heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Doris Achelwilm, Petra Sitte und Simone Barrientos: Die Branche, das waren Verlegerverbände, Gewerkschaften und Verlagsgeschäftsführer. Unabhängige, digitale Medien waren nicht dabei.

Wie erhalten wir die gedruckte Tageszeitung? Gar nicht

Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir geht es nicht um ein Stück vom Kuchen. Ich will kein Steuergeld, sondern Chancengleichheit bei dem Versuch, eine Zukunft für den Journalismus zu finden. Fair wäre es, wenn die Regierung nicht die Konkurrenz finanzierte. Verleger wiederum sollten anfangen, offen über die Zukunft der meisten Zeitungen zu sprechen. Die harte, aber ehrliche Antwort auf die Frage “Wie erhalten wir die gedruckte Tageszeitung?” lautet: gar nicht. Sie ist bald kein Geschäft mehr, weil die Einnahmen schnell sinken und die Kosten noch schneller steigen.

Die Bezeichnung “Überbrückungshilfe” ist darum meiner Meinung nach ein vielsagender Euphemismus; diese Brücke führt ins Nirgendwo. “Abwrackprämie” wäre treffender: Wie für die Kohle- und Dieselindustrie fabriziert die Politik mit viel Geld Bedingungen, damit eine gut organisierte Lobby noch ein Weilchen mit einer veralteten Technologie weitermachen kann. Ich finde: Wer auf Papier lesen will, sollte die vollen Kosten dafür tragen — nicht der Staat. Geschäftsmodelle, die nur ohne Mindestlohn funktionieren, sind keine. Überall auf der Welt sterben Zeitungen, weil ihre Leser sterben und keine jungen nachkommen. Traurig, aber wahr.

Der Anfang des nächsten Journalismus

Ich bin neugierig auf den Moment, an dem es so nicht weiter geht. Die besten Journalistinnen und Journalisten werden dann – in Amerika ist das zu beobachten – eigene Publikationen starten, und zwar da, wo die Leser inzwischen sind: im Internet. Nischen-Medien werden entstehen mit direktem Austausch mit den Menschen, die sie finanzieren. Es wäre nicht das Ende des Journalismus, sondern der Anfang des nächsten Journalismus.

Spätestens an dieser Stelle, fürchte ich, zerknüllt irgendwo ein erregter Journalist diese Zeitungsseite. Journalisten können das Loblied der Digitalisierung nicht mehr hören. Sie haben schon mehrere Entlassungswellen miterlebt, verdienen immer schlechter, müssen immer mehr Jobs mit übernehmen, Seiten produzieren, Sparrunden ertragen, kommen kaum noch zum selbst recherchieren, wurden ausgelagert in nicht tarifgebundene Gesellschaften. Es herrscht oft depressive Stimmung. Wer kann, der geht. Viele Junge zu Technologieunternehmen oder in die PR.

Journalisten muss man nicht erzählen, dass es so nicht weitergeht. Ihnen bleibt der Stolz, einen besonderen Beruf auszuüben. Darüber sind sich Zeitungsleute einig mit den Digitalen: Journalismus ist mehr als ein Geschäft, er ist wichtig für die Demokratie.

Das führt uns zurück an Ihren Küchentisch und der großen Frage nach der Zukunft des Journalismus. Klar, Sie rascheln hier so nett, riechen ganz gern diese Zeitung und überhaupt ist das alles so schön vertraut. Aber Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie nicht mit einem Smartphone umgehen können? Sollte eines nicht zu fernen Tages die Zustellung Ihrer Berliner Zeitung zu teuer werden, dann stellt sich für Sie die Gewissensfrage: Geht es Ihnen nicht eher um das, was drinsteht – um die Gedanken und Analysen, die Inspiration und Neuigkeiten –, statt um die Sache mit dem Rascheln?

Denken Sie doch mal mit offenem Herzen drüber nach. Probieren Sie am besten ein paar junge Medien aus, und erwägen Sie ein Mitgliedschaft. Die Zukunft des Journalismus, das wären dann: Sie.

  • Steady ist eine Membership-Plattform für unabhängige digitale Medien. Mehr als tausend Online-Magazine, Podcasts, Blogs und Newsletter nutzen Steady, um kostenpflichtige Mitgliedschaften anzubieten. Insgesamt zahlen hier bereits mehr als 100.000 Nutzer für digitalen Journalismus, Tendenz stark steigend. Gegen eine Provision von zehn Prozent kann jede kleine oder große Publikation die Technologie nutzen, um ein nachhaltiges Geschäftsmodell für Journalismus aufzubauen.
  • Krautreporter ist Online-Magazin, das nur im Internet erscheint. Die Berliner Redaktion aus etwa zwanzig Mitarbeitenden veröffentlicht täglich einen ausführlichen, hintergründigen Artikel zu Politik und Gesellschaft unter dem Motto “Verstehe die Zusammenhänge”. Statt durch Werbung finanziert sich das als Genossenschaft organisierte Unternehmen ausschließlich durch seine etwa 15.000 zahlenden Mitglieder. Der Monatsbeitrag kostet 7 Euro.

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Journalist. Gründer von Krautreporter und Steady.

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