Der Sturm nach der Ruhe

Sebastian Esser
5 min readDec 1, 2014

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Sie haben den Sound der neunziger Jahre erfunden, dann hat man zwölf Jahre nichts von ihnen gehört: Jetzt sind die Pixies wieder da.

erschienen 2004 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Als Kurt Cobain einmal gefragt wurde, wie es ihm gelungen sei, einen so perfekten Song wie “Smells Like Teen Spirit” zu schreiben, sagte er: “Eigentlich habe ich einfach die Pixies nachgemacht.” Und damit ist eigentlich auch schon die ganze Geschichte dieser großartigen Band erzählt: Die Pixies haben Musik gemacht, die Ende der achtziger Jahre so neu, so ungehört, so kraftvoll war, daß andere sich von ihr inspirieren ließen — und schließlich erfolgreicher waren als die eigentlichen Erfinder. Nirvana, Radiohead, Muse, The Strokes — sie alle klingen nach dieser amerikanische Band, die sich 1992, nach sechs Jahren Bestehen und fünf genialen Alben, auflöste und von der man getrost behaupten kann, daß sie musikalisch die neunziger Jahre erfunden hat.

Darum ist es eine kleine Sensation, daß diese Band, deren Mitglieder inzwischen alle an die vierzig sind, jetzt ihre Wiedervereinigung angekündigt hat. Eine Welttournee (im Sommer auch in Deutschland) und eine Best-of-CD im Mai kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Verehrung der Pixies offenbar einen neuen Höhepunkt erreicht hat: Die englische Musikzeitschrift “NME” erklärte das Pixies-Album “Doolittle” (1989) im letzten Jahr zum zweitbesten aller Zeiten; 19 000 Tickets für die vier London-Konzerte waren in zwei Stunden ausverkauft, Konzerte in Nordamerika in zwei Minuten.

Der Grund für die plötzliche Wiedervereinigung: “Ich kann das Geld gut gebrauchen”, sagt der Pixies-Sänger Frank Black. “Und ich weiß, daß die anderen das Geld gut gebrauchen können. Wir brauchen alle etwas mehr Bargeld. Und diese europäischen Festivals zahlen sehr gut!” So wenig glamourös diese Ankündigung klingt, sahen die Pixies auch aus. Sie hatten Haarschnitte wie Langweiler, trugen normale Kleidung und verzichteten auf Rockstar-Angewohnheiten wie Tätowierungen, Allüren und Heroin. Um so stärker der Kontrast zu ihrer explosiven Musik, die die Pixies zu einer Legende machte.

1986 teilten der dickliche Anthropologiestudent Charles Thompson und der von den Philippinen stammende Joey Santiago ein Zimmer auf dem College in Kalifornien, als sie beschlossen, das mit dem Studium sein zu lassen und die Pixies zu gründen. Den Namen für ihre Band fanden sie beim Blättern in einem Wörterbuch, weil ihnen die Erläuterung “boshafte kleine Elfe” gefiel. Thompson taufte sich um in “Black Francis” und war fortan Sänger, Songwriter und Gitarrist, Santiago spielte die Lead-Gitarre. Auf eine Anzeige mit dem Inhalt “Suchen Bassisten, der auf Hüsker Dü und Peter, Paul & Mary steht” meldete sich Kim Deal, die allerdings erst einen Baß leihen mußte. Sie brachte auch den Schlagzeuger David Lovering mit, der einen Proberaum hatte.

Black Francis erwies sich nicht nur als talentierter Songschreiber, er schrie sich auch noch auf unerhörte Weise die Seele aus dem Leib, daß es klang, als ob er genau in diesem Moment wahnsinnig werden würde. Joey Santiagos surf-inspirierte langgezogene Gitarrenspuren paßten sehr gut dazu. Und Kim Deal war zwar eindeutig ein Mädchen, aber sie hatte die Rolle, die normalerweise dicke Kerle ausfüllen: Ihr Baß bildete zusammen mit Loverings Schlagzeug die solide Basis, auf der sich Black Francis und Joey Santiago austoben konnten. Sie stand in einem verwaschenen T-Shirt mit ihrem Baß einfach da und strukturierte den Wahnsinn. Dabei sah sie unglaublich gut aus. Für Mädchen war sie ein Vorbild, Jungs waren normalerweise verliebt in sie.

Das musikalische Prinzip, das die Pixies so einflußreich machte, hört sich an wie ein Trick: einfach einer leisen Strophe einen lauten Refrain folgen lassen. So funktionierten später Hunderte Rock-Songs, aber die Dynamik der Pixies blieb dennoch unerreicht: eine bedrohliche Spannung, über die ein Refrain aus unkontrolliertem Gebrüll von Gitarren und Stimme hereinbricht. Und trotz der Aggressivität hat diese Musik zuckerige Pop-Melodien und fast schon klassische Beach-Boys-Harmonien. Es gibt eine Live-Aufnahme von “Gouge Away”, einem Song mit blutigem Text, der genau so funktioniert: Eine Flüsterstrophe mündet in einen Brüllrefrain. Wenn aber mitten in diesem Ausbruch die dunkle, herbe Frauenstimme von Kim Deal ein kleines “Shalala” dazwischenklingt — dann macht irgend etwas leise “klick”.

Blacks Texte gingen über Religion, außerirdische Invasionen, Superhelden und Gewaltorgien, manchmal sang er auch spanisch — das war schon immer recht rätselhaft. Im Internet finden sich ellenlange Interpretationsversuche des Satzes: “If man is 5, then the devil is 6, and if the devil is 6, then god is 7.” Aber wenn dieser ziemlich schwere Mann seinen kahlen Schädel in den Nacken legte, so daß die Kopfhaut Falten warf, wenn er die Augen schloß und seinen Zuhörern die Worte ins Gesicht brüllte — dann war eigentlich auch vollkommen egal, um was es ging.

Das Geheimnis dieser Band, es war wahrscheinlich der Gegensatz von Ruhe und Sturm, von Kim Deal und Black Francis. Die Spannung zwischen diesen beiden Polen führte aber auch zu heftigen Auseinandersetzungen. Im Kern ging es um die Frage, wieviel Einfluß Kim Deal auf die Songs haben sollte. Sie hatte nur ein Lied geschrieben, “Gigantic”, ausgerechnet eines der beliebtesten. Black Francis gefiel sich aber in der Rolle des Diktators und löste schließlich die Band 1992 per Fax auf, bevor der große Erfolg da war.

Kim Deal emanzipierte sich schnell. Sie hatte schon 1993 mit den Breeders einen riesigen Hit, “Cannonball”. Das dazugehörige Album “Last Splash” verkaufte sich in jenem Sommer öfter als alle Pixies-Platten zusammen. Auf der Bühne stets rauchend und trinkend, ist sie seitdem zur Grande Dame der alternativen Musik geworden. Joey Santiago heiratete, schrieb Filmmusik, verlor viele Haare und gründete mit seiner Frau die Band Martinis; im Sommer kommt das zweite Kind. David Lovering verdiente sein Geld als professioneller Zauberer und rührte jahrelang kein Schlagzeug an.

Aus Black Francis wurde Frank Black, der neun wunderbare, aber wenig erfolgreiche Soloalben aufnahm. Er spezialisierte sich mit seiner Band The Catholics auf Cowboy-Punk. 2003 geriet sein Leben in eine Krise, ohne die es wohl nie zur Pixies-Reunion gekommen wäre: Scheidung, Wegzug aus Los Angeles, der Beginn einer Psychotherapie. Charles Thompson telefoniert zweimal in der Woche mit seinem Therapeuten. So hat er offenbar seinen Frieden mit der Band schließen können, die seine Solokarriere stets überschattet hatte.

Als die Pixies nun ihre Wiederauferstehung verkündeten und die Daten für die Reunion-Tournee bekannt wurden, da war das für die Fans wie für Scheidungskinder, die nicht so recht glauben wollen, daß die Eltern sich auf einmal wieder vertragen. Karten haben sie natürlich trotzdem gekauft.

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